Kleidung 02 Textile Schätze aus Litzlberg

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Kleidung 02 Textile Schätze aus Litzlberg

Bis vor wenigen Tagen wusste ich von diesem Fund noch nichts und jetzt bin ich begeistert von den bestens erhaltenen Textilien aus Litzlberg. Nur wenig hat sich für die Fachwelt an originalen Textilien aus dem 17. Jahrhundert überliefert, umso besser, wenn sich an den Stücken nur wenig Fehlstellen oder Beschädigungen finden. Die 12 Kleidungsstücke bilden ein komplettes Ensemble und überliefern uns eine typische Damenbekleidung von ca. 1620. Der Vergleich mit den Fundfotos zeigt, was unsere Textilrestauratorin Traute Rupp in wenigen Tagen bereits geleistet hat. Die Stoffe sind fast unversehrt, wunderbare Borten und Bänder haben sich mit überliefert und mit ihnen Erkenntnisse zur Herstellung, zur Schnitttechnik, zu den Handelswegen, zu Sozialstrukturen und Begräbnisbräuchen. Hier ergibt sich das Potential für die Forschung in verschiedenste Richtungen und der Fund wird uns Textiler wohl einige Monate und Jahre intensiv beschäftigen.  Die Stücke sind sehr modisch gearbeitet und vorwiegend aus schwarzen Seidenstoffen gearbeitet. Die Ausstattung besteht aus zwei Haarnetzteilen, einem ärmellosen Untermieder aus schwarzem geblümtem Seidenstoff mit Schnürung im Brustbereich mit den dazu notwendigen Ringchen und Bändchen und bogenförmigen Saumteilen. Darüber trug die wohl adelige Dame einen Überwams aus schwarzem gestreift gemustertem Seidenstoff mit angesetzten Ärmeln und Schulterpatten, einem steifen Kragen und einer Metallkette rund um die Taille, an die trapezförmige Stoffstücke angesetzt sind. Ein Latz mit einseitig verschnürbarem Verschluss und ein Brusttuch ergänzen die Oberteile. Ein schwarzer Seidenrock mit seitlichen Tascheneingriffen und eine Seidenschürze mit Bortenband sowie zwei seidene Tunnelbänder mit quergestreifter schmaler Borte ergänzen die Kleidung der zarten Frau. Komplett erhalten haben sich auch zwei schwarze Lederschuhe mit seidenen Schuhbändern. Eine Buchhülle aus einem interessant gemusterten Stoff, der möglicherweise ein Gebetbuch umfasste fand sich als Grabbeigabe, wie auch ein goldener Ring. Interessant ist die Schnittführung dieser körperbetonten Kleidung, die sich in manchen Miedern bis heute gehalten hat. Interessant auch, woher wohl die Seidenstoffe kamen, in welcher Region sie produziert wurden? Erinnert das noble Schwarz der Ausstattung an die modische Linie der spanischen Hofmode oder ist es einfach eine Begräbniskleidung? Gibt es Vergleichsstücke in ähnlicher Schnittführung in anderen Museen und Sammlungen? Wer war die zarte Frau, die hier begraben wurde? Diese und wohl noch mehr Fragen werden uns in nächster Zeit beschäftigen und wohl neue Schlüsse für die Kulturgeschichte Oberösterreichs ermöglichen, insbesondere da Kleidungsstücke aus jenen Jahren, wie erwähnt, sehr rar überliefert sind. [Thekla WEISSENGRUBER]

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Nach 1573 teilte sich die Familie in zwei Linien. Simon Engl begründete als Stammvater den Litzlberger Zweig, der mit Sigmund Friedrich Engl von Wagrain im Jahr 1701 wieder ausstarb und danach mit dem Hauptzweig vereinigt wurde. Simon Engl wurde 1598 in den jungen, 1615 in den alten Ritterstand aufgenommen.

Simon Engl erwarb 1605 Schloss Litzlberg von Weikard von Polheim, beide gehörten dem protestantischen Glauben an. 1615 ließ Simon Engl in Litzlberg eine evangelische Hauskapelle errichten, die bis 1656 nachgewiesen ist. In zwei Ehen zeugte er sieben Töchter und fünf Söhne.

Simon Engls Sohn, Wolf Albrecht musste um 1630/31 auf Grund seines protestantischen Glaubens kurzzeitig Oberösterreich verlassen, kehrte später zurück, verstarb jedoch 1640.

 

Literatur:

Marks, Alfred: Familiengeschichtliche Aufzeichnungen der Engl von Wagrain 1657 bis 1797. In: Mitteilungen des Oberösterreichischen Landesarchivs. Beiträge zur Rechts-, Landes- und Wirtschaftsgeschichte. 8. Band. Graz/Köln 1964. 274-286

Zauner, Alois: Vöcklabruck und der Attergau. Stadt und Grundherrschaft in Oberösterreich bis 1620 (Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs). Linz 1971. 292

 

[Peter März HISTORIKER]

Engl von Wagrain