IDENTIFIKATION 1.2 / Portrait der Anna Engl, geb. Furtin

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IDENTIFIKATION 1.2 / Portrait der Anna Engl, geb. Furtin

Die Grabtafel liefert wichtige Daten zur (mittlerweile etwas weniger) „geheimnisvollen Litzlbergerin“. Es handelt sich um Anna Engl von Wagrain, geborene Furtin, die am 2. Juli 1620 im Schloss Litzberg verstorben ist. Ihr Ehemann Simon Engl ließ sie beim protestantischen Predigthaus begraben, das er 5 Jahre zuvor errichten hat lassen. Ein Portrait aus der Sammlung Spiegelfeld zeigt Anna Engl, eine der wohlhabendsten Damen ihrer Zeit im Land Österreich ob der Enns, im 45. Lebensjahr. Das Portrait entstand mit großer Wahrscheinlichkeit ein Jahr vor ihrem Tod.

Die auf dem Bild erkennbare zierliche Figur und die Gesichtsform passen hervorragend zu den Ergebnissen der anthropologischen Untersuchungen von Silvia Renhart. Nur beim ermittelten anthropologischen = biologischen Sterbealter – „zwischen dem 51. und 70. Lebensjahr“ – gibt es Divergenzen zum wahrscheinlich tatsächlichen Sterbealter von 46 oder 47 Jahren. Dieser Unterschied lässt sich allerdings problemlos erklären. Das äußerst komplexe Krankheitsbild, die mannigfaltigen Leiden haben Anna Engl schneller altern lassen. Besonders auffällig beim Portrait ist die Mundpartie. Ohne die anthropologischen Ergebnisse zu kennen, hat unsere Restauratorin Heike Rührig gemeint, dass es so aussieht, als ob sie ihr Gebiss nicht zeigen möchte, was angesichts der fehlenden Frontzähne im Oberkiefer, Karies, Wurzelabszessen und dunklem Zahnbelag wenig verwundert.

Die Entdeckung des Sarges der Anna Engl von Wagrain ist ein unglaublicher Glücksfall für die Archäologie und Landeskunde von Oberösterreich. Ihre Festkleidung ist praktisch vollständig erhalten, und die Anthropologie gewährt uns tiefe Einblicke in das Leben im ausgehenden 16. und frühen 17. Jahrhundert, aber v.a. natürlich zum persönlich leidvollen Schicksal von Anna, einer tiefgläubigen Frau, wie uns ihr Fingerring und wiederum die Grabtafel eindringlich vor Augen führen. Das berühmte Tüpfchen auf dem i ist das zumindest annähernd realistische Portrait, das sich im Besitz ihres Nachkommens Georg Spiegelfeld befindet. DNA-Untersuchungen sollen die Verwandtschaft bestätigen und eventuell auch helfen, der Identifikation der zweiten Bestattung, einem Mann im Alter zwischen 41 und 45 Jahren, näher zu kommen.

DER ALMECHTIGE◦GOTT◦WOLLE◦IHR◦EIN◦FRELICHE◦AUFERSTEHVUNG … VERLEIHEN steht auf ihrer Grabtafel zu lesen. Ob ihr eine fröhliche Auferstehung im christlichen Sinn beschieden gewesen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Die profane Auferstehung genau 400 Jahre nach ihrem Tod (!), verursacht durch einen Bagger bei Bauarbeiten, kann lediglich unter dem Gesichtspunkt der dadurch erst ermöglichten wissenschaftlichen Erkenntnisse als fröhlich bezeichnet werden. Umso wichtiger ist es, die menschlichen Überreste von Anna Engl nach Abschluss der wissenschaftlichen Untersuchungen wieder würdig zu bestatten. Wir werden alles daran setzen, Georg Spiegelfeld bei seinem Wunsch zu unterstützen, dass das möglichst zeitnah bei ihren Verwandten in der Englgruftkapelle in der Wallfahrtskirche Maria Schöndorf bei Vöcklabruck geschehen kann.

[Stefan Traxler, ARCHÄOLOGE]

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Simon Engl von Wagrain, geboren am 8. Oktober 1540, verstorben am 22. August 1629, Sohn von Stephan Engl von Wagrain (1510-1573) und Maria Magdalena Dorningerin (1520-1580). Engl heiratete am 10. Juli 1594 seine erste Ehefrau Anna Furtin (Furth) (*1540). Sie war die Tochter des kaiserlichen Rates und Vizedoms von Niederösterreich, Wolf Furth und Magdalene geb. Urkauf. Seine zweite Gemahlin, Christine Hackin (1550-1600) heiratete er nach 1620. Insgesamt werden Simon Engl sieben Töchter und fünf Söhne zugeschrieben, gesichert sind die Nachkommen Wolfgang Albrecht (1599-1640), Karl und Maximilian (beide 1600-1640).   Literatur: Zauner, Alois: Vöcklabruck und der Attergau. Stadt und Grundherrschaft in Oberösterreich bis 1620 (Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs). Linz 1971. 293 OÖLA, Herrschaftsarchiv Wagrain, HS 1, fol. 60 https://www.ronniger.at/familienchronik/gf_7.html#0   [Peter März HISTORIKER]

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